Neugierde, Leidenschaft und Zufriedenheit

Persönliches


Neugierde, das ist meine erste große Stärke.

Diese Neugierde habe ich in meinem Beruf, der Lehrerin für Grundschule, voll ausgelebt: Gemeinsam mit meinen Schülern habe ich versucht einen Blick in die Zusammenhänge der Welt zu werfen, ihre Mechanismen, ihre Strukturen, ihren Aufbau. Dabei ging es mir nicht so sehr um die theoretischen, sondern vor allem um ganzheitlichen Aspekte: Welchen Gesetzen folgen Wasser und Luft, in welchen chemischen und physikalischen Umweltzusammen-hängen steht eine Pflanze oder aus welchem historischen Umfeld stammt eine Geschichte und wie wirkt sie heute in uns? Wie sind die Fäden der Wirklichkeit gesponnen und verknüpft und wie kamen wir dahin, wo wir jetzt gerade stehen? Es gibt kaum ein Funktions-Thema, das mich nicht in irgend einer Weise faszinieren kann.

 

Meine zweite große Stärke ist Leidenschaft für die Dinge, mit denen ich mich beschäftige.

Wenn ich mich für eine Sache interessiere, gehe ich ihr auf den Grund. Ich probiere aus, betrachte sie von allen Seiten bis ich sie verstehen und erklären kann. Und danach muss sie sorgfältig und liebevoll dokumentiert werden... Diese Eigenschaft führte mich bis zu einer Promotion. Aus diesem Grund habe ich danach - immer noch im Fluss meiner vorher-gehenden wissenschaftlichen Arbeit - begonnen, die Struktur und die Funktionsweise des Brettchenwebens durchzu-denken, zu testen, zu dokumen-tieren und habe in dieser Arbeit eine tiefe Zufriedenheit erfahren, die ich nie mehr verlieren möchte.

 



Was ist eigentlich das Faszinierende am Brettchenweben?

 

 Diese Frage stellen sich so manche Weber und Weberinnen, die den Haushalt oder die Arbeit liegen lassen, Männer/Frauen und Kinder vernachlässigen um zu sitzen und zu weben – oder wie in meinem Fall zu entwerfen und zu weben.

 

Ich kann diese Frage nur für mich beantworten.

 

Die Faszination besteht aus zwei unterschiedlichen Dingen: Das Brettchenweben spricht meine Freude an reiner Mechanik an, die man „im Griff“ hat und die ein Werkstück herstellt, das einzigartig und mit Maschinen nicht reproduzierbar ist.

 

Die zweite Dimension greift da schon wesentlich tiefer. Ich liebe die Forderung des Webens nach Präsenz: kein anderer Gedanke, keine Überlegungen und schon ja keine Unterhaltung oder Zerstreuung sind möglich, wenn man an einem komplizierteren Werkstück arbeitet. Ein Abschweifen, ein Schwächerwerden der Konzentration und schon schleichen sich Fehler ein, die man mühsam wieder entfernen muss.

Das Weben schafft Inseln der absoluten und ausschließlichen Präsenz, ähnlich der bei der Meditation. Und ähnlich wie bei der Meditation beginnt der Atem ruhiger zu werden, die Gedanken kommen zur Ruhe aber die Hände arbeiten präzise und sorgfältig. Es entsteht ein Fluss, der weder Anstrengung verlangt, noch ein Nachlassen der Intensität verzeiht.

 

Es gibt kaum eine Gelegenheit, in der ich so vollständig präsent sein muss und auch bin und die Früchte dieses Trainings sehe ich in meinem Alltag, indem ich zunehmend aufmerksamer meine Umgebung wahrnehme, genauer auf Feinheiten achte und die Mechanismen des Lebens und Zusammenlebens mit mehr Sorgfalt studiere und verstehe.

 

Weben als spirituelle Lebenseinstellung?

 

Nun ja, das ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Aber eine Hilfe ist es schon und eine Möglichkeit, seinen Geist in einer bestimmten Art und Weise zu trainieren – und gleichzeitig etwas zu erschaffen. Was kann es Schöneres geben?